Home | Zwischenräume/Interstices | Thesen dtsch./engl. | ‚La Rambla’ Leseprobe dtsch./engl. | Kontakt/Impressum/Disclaimer

Maria Reinecke

 

Zwischenräume – Zwischenräumliches Denken

Maria Reinecke

 

Thesen zum VII. Interdisziplinären Salon für Europa „Wir sind Zwischenräume?“
Forum 46, Projekt Humboldt-Viadrina School of Governance, Berlin 2007

Zitat 1:
„Das Leben liegt in den Zwischenräumen jeder lebendigen Zelle und in den Zwischenräumen des Gehirns verborgen.” (A. N. Whitehead, Prozess und Realität)

Zitat 2:
„Man hat zwar Einsichten, welche Gehirnzentren aktiv sind, wenn wir verschiedene Bewusstseinszustände erleben, und man versteht inzwischen ziemlich gut die Vorgänge auf der zellulären und molekularen Ebene. Das größte Rätsel ist aber das Geschehen dazwischen: Was genau passiert beim Zusammenspiel von Millionen und Milliarden von Nervenzellen, so dass bewusstes Erleben entsteht.” (Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns)

Die beiden Zitate signalisieren: in den Zwischenräumen geschieht Wesentliches, Geheimnisvolles, Rätselhaftes; in ihnen liegt das Wunder der Schöpfung oder das open end einer unauslotbaren Welt-Wirklichkeit, egal ob es sich dabei um das heftige Verhalten von Molekülen und Energiequanten in einem Stein handelt; um die materiale Verflüchtigung von Sternen oder um hochkomplexe neuronale Ereignisse im menschlichen Gehirn mit ihren Verknüpfungen und einhergehenden ständigen Veränderungen und Wechselwirkungen auf jede entfernteste Zelle des Körpers - einer Art „Vergeistigung des Körpers”, wie Antonio Damasio das in seinem Buch Descartes' Irrtum nennt.

Der Ablauf der Dinge ist nicht ihr Wert; was dazwischen liegt und kaum aussagbar ist und doch mitschwingt bei allem, was geschieht, verweist auf eine Wirklichkeit, die mehr und anderes bereithält als nur das vermeintlich Feste und Starre, Objektive, Quantifizierbare, Kalkulierbare. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts öffnen Zweige der Wissenschaften spaltweise den Blick in die Lücken des bloßen Ablaufs der Dinge und geraten so in die Nähe dessen, was in der Weisheitsgeschichte der Menschheit von jeher Ausgangspunkt „wissenden“ Staunens und Denkens war: das Geheimnis einer vernunftdurchwirkten Schöpfung; einer umfassenden Wirklichkeit, die „unabgeschlossen ist, d. h. durch keinen Zugang erschöpfend begriffen werden kann und daher auch nicht auf einen reduziert werden darf”. (Gesine Schwan, Mut zur Weite der Vernunft, 2006).
Interdisziplinäres Denken und Forschen zielt auf diese Zwischenräume.

Die offene, dynamisch-flexible, relationale Struktur des „Zwischenräumlichen” kann  auf alle Lebensbereiche übertragen werden, z.B. kann das Leben selbst als ein Zwischenraum betrachtet werden: es vollzieht sich zwischen Geburt und Tod, zwischen Entstehen und Vergehen; zwischen den dunklen Polen der Zeugung und des Ablebens oder aber auch ausgestreckt, sich entgrenzend, zwischen Himmel und Erde, Transzendenz und Immanenz, wenn wir so wollen. Insgesamt steht es uns frei, ob überhaupt und  wenn ja, welchen Sinn, Wert und Bedeutung wir diesem Lebens-Zwischenraum geben. Enthalten können wir uns nicht wirklich.

Wagen wir kurz einen Blick vertikal durch die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit hinein in die Tiefe besonderen Erlebens und Wahrnehmens von Zwischenräumen z.B. in der christlichen monastischen Tradition des Gebetes. Das Beten der Psalmen im liturgischen Stundengebet geschieht auf besondere Weise: zwischen den Verszeilen steht ein Sternchen, Zeichen für eine Pause, ein Innehalten; diese Pausen sind mehr als deklamatorische Gestaltung; sie schaffen Stille und Raum für das „andere“, für das „Ein-Fallen” Gottes in die jeweilige Jetzt-Situation der Betenden. Zwischenräume werden hier zur Möglichkeit Gottes oder einer Transzendenz.

Religiöser, esoterischer Eskapismus? Gottbewahre, nein, sondern: eine Grundhaltung, die uns porös macht für Unerwartetes, anderes, Fremdes; die unsere Aufmerksamkeit, Sinne, Wahrnehmung, unser Gefühl sensibilisiert, unseren Geist schärft und Raum und Bewusstsein in uns schafft für das, was um uns herum geschieht, wäre auch im innerweltlichen Kontext günstig für einen konstruktiven, kreativen, solidarischen Umgang mit Lebens-Zwischenräumen allgemein und für die konkrete Gestaltung menschlichen Miteinanders im Besonderen.

Ob wir Zwischenräume seien?, lautet die seltsame Frage des Abends. 
Wenn wir Zwischenräume als mögliche Katalysatoren für lebenswerteres Leben begreifen, könnten wir es werden:

 

 

 

Interstices – Interstitial Thinking

Maria Reinecke

 

Theses for the VII. Interdisciplinary Salon for Europe „We are Interstices?“ Forum 46,
Project Humboldt-Viadrina School of Governance, Berlin 2007

Quotation 1:
„Life lurks in the interstices of each living cell, and in the interstices of the brain.” (A. N. Whitehead, „Process and Reality”)

Quotation 2:
„We admittedly have an understanding about which areas of the brain are active when we experience various states of consciousness, and we are at a point where we apprehend quite well the processes on the cellular and molecular level. But the biggest mystery is what occurs in between: What exactly happens in the interaction of millions and billions of neural cells to originate conscious experience.” (Gerhard Roth, „Aus Sicht des Gehirns“/From the Brain’s Point of View)

Those two quotes indicate: something essential, mysterious, puzzling is happening in the interstices; it is in them that the miracle of creation or the open end of an unfathomable world-reality lies, whether we are dealing with the vigorous behaviour of molecules and energy quanta in a stone; the material volatilization of stars or highly complex neuronal events in the human brain with their connections and related constant changes and interaction with each furthest cell of the body – a kind of „spiritualization of the body” as Antonio Damasio calls it in his book Descartes’ Error.

The course of events is not what makes their value; it is what lies in between, hardly predicable and yet resonating in everything that happens, that refers to a reality which holds something more and something different than the supposed fastness and rigour, the objective, the quantifiable, the calculable. Since the beginning of the 20th century some scientific fields have begun to steer the view into the gaps of the mere process of things and thereby stumbled into the proximity of what in humanity’s story of wisdom has always been the point of origin for „knowing” wondering and thinking: The secret of a creation intervowen with reason; a comprehensive reality which is „incomplete, i.e. cannot be exhaustively understood through any approach and therefore must not be reduced to one either.” (Gesine Schwan, Mut zur Weite der Vernunft, 2006).
Interdisciplinary thinking and research aims at these interstices.

The open, dynamic-flexible, relational structure of the „interstitial“ can be transferred to all aspects of life, e.g. life itself can be seen as an interstice: it takes place between birth and death, between emergence and passing; between the dark poles of conception and demise. Or it can be equally seen as stretched out, dissolving the boundaries, between heaven and earth, transcendence and immanence, if you wish. By and large it is up to us if we give this interstice of life significance, value and meaning, and if yes, how much. We can however not exactly abstain.

Let us briefly venture a glimpse vertically through reality’s multilayeredness into the depth of special experience and perception of interstices, e.g. in the Christian monastic tradition of prayer. The praying of psalms in the liturgy of the hours happens in a particular manner: between the lines is an asterisk, symbol for a break, for a pause; these pauses are more than a declamatory composition; they create stillness and space for the „other”, God’s entry into the respective here and now of the praying person. Interstices here become the possibility for God or the transcendence.

Religious, esoteric escapism? God forbid, no, instead: a basic attitude which makes us porous for the unexpected, the other, the foreign. Which sensitises our attention, senses, perception, our feeling, and sharpens our spirit and the space and consciousness in us for what is happening around us. This basic attitude would also be beneficial in the intramundane context for a constructive, creative, solidary discourse with life interstices in general and the concrete organisation of human cooperation in particular.

Are we interstices? is the strange question tonight.
If we understand interstices as possible catalysts for a life more worthy of living, we could become interstices: 

 

 

ˆ zum Seitenanfang

© Maria Reinecke Berlin 2010-2017 www.maria-reinecke.de